Frage 6

geschrieben von Frau Pfeffer on Juni 6, 2008

Wieso wird in unserer Gesellschaft immer noch zwischen psychischen und physischen Krankheiten unterschieden? Wenn jemand Krebs hat, wird er bemitleidet und erfährt Unterstützung. Ist aber jemand psychisch erkrankt, erntet er vor allem eins: Unverständnis. Hat er sich halt wieder zusammen zu reißen. Und überhaupt, sowas gibt es nicht.
Das diese Menschen aber genauso wenig für Ihre Erkrankung können wie der Krebspatient, wird gar nicht erst in Erwägung gezogen. Warum eigentlich? Weil man Krebs nicht “sieht” (zumindest anfangs nicht)? Weil der Umgang mit einem körperlich Erkrankten einfacher ist, als mit einem “Verrückten”? Da weiß man schließlich was zu tun ist? Weil es psychische Erkrankungen gar nicht gibt und sie nur eine “Spinnerei”, “Einbildung” desjenigen?

Ich “durfte” beide Seiten im engsten Kreis hautnah erleben. Einerseits eine Krebserkrankung, andererseits eine schwere psychische Störung, “Schizophrenie” genannt. Und fuck, der einzige Unterschied war der, dass der psychisch Erkrankte anfangs nicht viel von seiner Krankheit mitbekam. Aber egal, ob du jemanden in die geschlossene Psychiatrie zwangseinweisen lässt, oder ins Hospiz, du kommst dir immer vor wie ein Arsch und fragst dich, ob es das Richtige ist, was du tust. Keinen, bei dem du dir Rat holen kannst, jeder schiebt die Verantwortung von sich. Du weißt nur, du MUSST handeln. Bist vorher noch nie auch nur annähernd mit sowas in Berührung gekommen. Ach scheiße, ich schweife schon wieder ab.
Auf was ich hinaus will: Es sind beides tragische Schicksale. Denn es sind beides schwere Krankheiten. Krankheiten, die einen unvorbereitet treffen, für die man nichts, aber auch gar nichts kann. (Und die sollen Alle aufhören von gesunder Lebensweise zu sülzen: Meine Mom hat saugesund gelebt und starb an Krebs, mein Opa rauchte sein Leben lang und trank auch mal ganz gerne Einen. Er starb an Alzheimer, nix Krebs)
Und von daher ist es nicht fair, psychisch Kranke wie Aussätzige zu behandeln. Heutzutage ist doch schon fast jeder beim Psychologen. Aber zugegeben wird das nicht. Weil es nicht akzeptiert wird. Weil man sich des Makels schämt. Eines Makel, der jeden von uns unverhofft jederzeit treffen kann. Psychische Erkrankungen wie Schizophrenie z.B. werden durch eine Stoffwechselstörung des Gehirns verursacht. Es kann morgen mich oder dich treffen. Es liegt nicht in unserer Hand.

Wer schon mal in einer geschlossenen Anstalt war, wird dies nie vergessen können. Ich kann z.B. “Einer flog übers Kuckucknest” nicht mehr ansehen. Auch bei Berlin Alexanderplatz landete der Biberkopf am Schluss in der “Irrenanstalt”. Ich musste ausmachen. Weil mich diese Bilder, nach fast 4 Jahren, immer noch verfolgen.
Du kommst da rein, nein kommst ja nicht mal. Da ist alles hermetisch abgeriegelt. Musst klingeln, dann kommt jemand, fragt wer du bist, was du willst und dann werden erstmal sämtliche mitgebrachte Taschen durchsucht. Und das Ganze in uralten Gemäuern aus der Jahrhundertwende. Im Ansbacher Bezirkskrankenhaus ist die Geschlossene sogar im Keller untergebracht. Dann wird dir Einlass gewährt, dir ist schlecht vor Angst und dem typischen Krankenhausgeruch.

Du versucht so wenig wie möglich auf die Umgebung zu achten, willst das Ganze aussenrum gar nicht mitbekommen und konzentrierst dich so stark dass es schon weh tut, auf denjenigen, den du besuchst. Schaffst es aber nicht. Es ist nicht möglich, all die Schreie, das Gestöhne, die Menschen mit dem verwirrten Blick um dich rum auszublenden. Dieser widerliche Uringeruch. Und du bekommst Panik. Möchtest weinen, weglaufen. Kannst aber nicht. Schließlich ist da jemand, der dich braucht. Und der auch nichts davon hat, wenn du das heulen anfängst. Du versuchst dir eine Maske aufzusetzen und den Unbekümmerten zu spielen. Nimmst ihn in den Arm, redest ihm gut zu und machst ihm Mut. Dem Menschen, der gar nicht weiß, warum er hier ist und dass DU das letztendlich veranlasst hast. Du bist schuld, dass dieser Mensch in diesen menschenunwürdigen Bunker eingesperrt wurde. Innerlich weißt du, es war das Beste, aber du fühlst dich als Schwein, als Verräter. So hattest du dir das Ganze nicht vorgestellt. Und du gehst und dieser arme Mensch schaut dich voller Hoffnung an und lächelt. Ich verliere schon wieder den Faden, aber da kommen so viele Emotionen hoch.

Also worauf ich hinaus will, ist, dass es endlich an der Zeit wird, psychisch Kranken genausoviel Verständnis, Respekt und Hilfe entgegenzubringen, wie körperlich Kranken. Warum werden sie in alten, stinkenden Gemäuern wie Vieh untergebracht? Warum wird sich nicht intensiv um sie bemüht, sondern sie nur mit Medikamenten abgefüllt? Warum haben diese Menschen keine Lobby? Warum schauen wir alle weg?

Mein einziger Trost aus dieser Zeit ist, dass die betreffende Person diese und ich weiß, ich wiederhole mich, MENSCHENUNWÜRDIGE Umgebung nicht klaren Blickes wahrnahm. Ich möchte diesen Ort nie nie wieder betreten müssen. Alleine der Gedanke macht mir Angst, wie sonst nicht viel.

Kommentare

One Response to “Frage 6”


  1. Das ist ein großes wichtiges Thema, an dem sich, wie an so vielen anderen Themen, unsere Gesellschaft messen lassen muss.

    Ich versuche mal aus meiner Erfahrung als Krankenpfleger und Heilerziehungspfleger den unterschiedlichen Umgang mit körperlichen oder seelischen Erkrankungen zu erklären.

    Das was der Mensch sieht, kann er begreifen. Zumindest geht das schneller. Wenn ich mir einen Arm breche, dann mache ich ein Röntgenbild und sehe den Bruch. Gips rum, Gips ab, Reha, neues Bild, fertig. Auch bei Krebserkrankungen sind klare sichtbare und messbare Symptome vorhanden, die auch deutlich den Verlauf der Erkrankung sehen lassen.
    Aber wo misst man etwas in der Seele bzw. der Psyche? Ich meine, genau dieser Umstand macht es vielen schwer, eine psychische Erkrankung genau so zu bewerten wie eine körperliche Erkrankung. Das entschuldigt natürlich nicht den Umstand, wie mit diesen Menschen verfahren wird.

    Ich kann Deine Gefühle und die Hilflosigkeit sehr sehr gut nachvollziehen. 8 Jahre war ich mit einer sehr schwer manischdepressiv erkrankten Frau zusammen und habe sie auch durch zwei längere Aufenthalte in der Psychiatrie begleitet. Das erlebte machte auch mich sprachlos. Vor allem dieses allein gelassen sein. Klar steht erstmal der erkrankte Mensch im Mittelpunkt. Aber ich denke doch, dass gerade diese Erkrankungen auch noch das Umfeld sehr betreffen. Und mir half da auch nicht die Tatsache Krankenpfleger zu sein. Denn diese berufliche Sicht ist dahin wenn es einen eigenen Angehörigen betrifft.

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